Integral Voice

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Integrales Stimmtraining

 als Weg zum Selbst

Editiert erschienen in "Integrale Perspektiven" Dez 2011

 

Unsere Stimme ist „psychoaktiv“. Wir Menschen haben feine Antennen für ihren Ausdruck und welche kommunikative Bedeutung sie uns überbringt. Wir brauchen den Menschen nicht zu sehen, etwa bei einem Telefonat, um zu erkennen, ob er traurig oder fröhlich ist, ob ihn etwas bedrückt, erregt usw. Auch die innere Distanzierung des Sprechers kann man an seiner Stimme deutlich erkennen, nicht nur an den Worten. Gute Schauspieler können ihre Stimme in den Dienst der Rolle stellen und damit über ihre persönlichen Emotionen hinweggehen. Bei „normalen“ Leuten ist dies selten möglich. In der nicht-verbalen Kommunikation, wozu auch die Stimme und die Art, sie einzusetzen gehört, ist es viel schwerer die anderen zu täuschen als mit dem gesprochenen Wort. Und der Klang der Stimme ruft im Zuhörer entsprechende Emotionen hervor, ohne dass es der Sprecher verhindern kann.

 

Unsere Stimme ist ein sehr mächtiges – und das uns am unmittelbarsten zugängliche – Instrument, um uns in der Welt zu bewegen. Sie kann dazu dienen, - um mit den „negativen“ Punkten zu beginnen - andere einzuschüchtern, Macht über sie zu haben, die innere Hierarchie festzulegen usw., aber auch, um jemanden zu beruhigen, trösten, Sicherheit zu geben. Kurz: zu einer Vielzahl von Manövern, über die man sich nur sehr selten wirklich im Klaren ist, da sie meist im Unbewussten verankert sind.

 

Das herkömmliche Stimmtraining bezieht o.g. Aspekte selten ein. Beim Schauspielunterricht werden sie eher bei der Interpretation angesiedelt, bei der Logopädie kommen sie meines Wissens gar nicht vor, beim traditionellen Gesangsunterricht ebenfalls nicht.


Dagegen benutzt das integrale Stimmtraining gerade solche Aspekt und macht sie zur Grundlage ihrer Vorgehensweise. Als „Integral“ verstehe ich dabei sowohl den Inhalt der Arbeit, als auch die Methode.

 

Der Inhalt der Arbeit ist umfassend gesprochen die Bewusstwerdung dessen was ist. Je mehr Faktoren gleichzeitig im Bewusstsein sind, desto besser. Methodisch wird man sich am Anfang auf einige wichtige Aspekte konzentrieren und sie langsam ausweiten und miteinander integrieren.


Einer dieser Hauptaspekte für die Stimmarbeit ist das Körperbewusstsein: Was fühle ich, und wo, wenn ich einen bestimmten Laut erzeuge? Dass Stimme nicht nur hörbar, sondern auch fühlbar ist, ist für die meisten Menschen erstmal neu, wird dann aber meist mit Begeisterung erfahren.


Nach der Sensibilisierung der Körperwahrnehmung kommt der wichtige Schritt der Differenzierung: was ist „gut“, d.h. was führt mich zum gewünschten Ergebnis? Und was ist hinderlich?


Dazu gehört natürlich der Prozess der Zielfindung. Es ist selten so, dass am Anfang des Trainings ein wirkliches und erfahrbares Ziel vorhanden ist. Meistens sind es mentale Vorstellungen wie: „nicht mehr heiser werden, lauter sprechen/singen“ usw. Das konkrete Ziel in Form des anzustrebenden Klangideals ergibt sich meist erst im Laufe der Arbeit, wenn der Klient das Potential seiner Stimme erfahren und gehört hat.


Der nächste Moment ist die bewusste Wahrnehmung des eigenen Stimmklangs in der Gegenwart von bestimmten Emotionen, wie z.B. Angst. Es kann auch sein, dass der Klient Schwierigkeiten hat, bestimmte Emotionen stimmlich umzusetzen. Daraus kann sich psychotherapeutische Arbeit ergeben, zunächst durch den Stimmtrainer, ggf. auch durch psychotherapeutische Fachkräfte.
Der nächste Schritt in der Bewusstwerdung – er kann ggf. auch parallel stattfinden -, betrifft die Art und Weise, wie wir unsere Stimme einsetzen für bestimmte Zwecke. Hier wird an der Artikulation gearbeitet („wie mache ich eigentlich ein „I“ oder ein „S“?), an der Akzentsetzung (wie macht man einen Akzent? Und wo setze ich ihn hin?), und an der Sprachmelodie ( der sprachenspezifischen Melodie und der persönlichen Melodieführung, die nicht immer funktional ist für ein gutes Verstandenwerden).


Hierher gehört auch die Analyse von Widersprüchlichkeit in der Wahrnehmung: was bewegt mich, einer Kommunikation Glauben zu schenken? Was regt meinen Zweifel an? Warum interpretiere ich sie auf andere Weise als der Sprecher offenbar beabsichtigt?? Oder umgekehrt: warum versteht man mich ganz anders, als ich gerne verstanden werden möchte? Dies ist natürlich ein sehr subjektives Feld, aber es gibt doch einige Anhaltspunkte und Kriterien, an denen man die „Echtheit“ der Kommunikation messen kann, sowohl an der Verwendung der Stimme selbst orientiert, als auch aus dem psychologischen Wissen über Kommunikationsstrategien.


Die integrale Methode in der Stimmarbeit.

Obwohl es, wie oben angesprochen, bestimmte Hauptgesichtspunkte in der Vorgehensweise gibt, ist der Inhalt des Unterrichts nie getrennt vom Lernenden, aber auch nicht vom Lehrenden. Das bedeutet, dass der Lernende ihm eigene Lernstrategien hat oder entwickelt und der Lehrende anhand seiner Erfahrung und Sensibilität für die Notwendigkeiten in jedem Moment die Vorgehensweise organisiert bzw. unterstützt („facilitator“).


Es werden Übungen herangezogen, die auch Teil des traditionellen Unterrichts sind. Der große Unterschied liegt in der Art und Weise ihrer Anwendung. Werden sie dort häufig zu einer mechanistischen Folge abzuleistender Aufgaben, so sind sie hier nur der Aufhänger für die eigentliche „Arbeit“, nämlich sie in voller Bewusstheit auszuführen. Es geht also hier nicht mehr darum, alles möglichst schnell und möglichst gut zu machen, sondern darum, zu erkennen, welche Wege zum Erfolg führen und welche eher nicht. Darum ist eine „schlechte“ Ausführung der Übung kein Fehler, dessen man sich schämen muss, weil er Zeugnis von Unfähigkeit wäre, sondern eine willkommene und geschätzte Gelegenheit, zu erkennen, was daran „falsch“ war.


Der Unterricht geht weit über die traditionelle Methode hinaus, indem er nicht fachspezifische und dort nicht berücksichtigte Gesichtspunkte explizit einbezieht. Dazu gehört z.B. spezifische Körperarbeit, psychologische und psycho-spirituelle Fragestellungen und Techniken und generell alles, was dem Lehrenden hilfreich erscheint.


Der Lehrende benutzt und integriert jederzeit und immer aufs Neue alle ihm zur Verfügung stehenden Tools, auch und gerade die eigene Ausstrahlung, Faszinationskraft, Überzeugungskraft und Mitgefühl. Speziell benutzt er sein Wissen um die Entwicklungsebene des Klienten und steigt auf dieser Stufe ein, soweit es ihm möglich ist.


Daraus ergibt sich, dass es keine klaren und im Voraus festlegbare Strategien für die einzelnen Sitzungen geben kann. Die Arbeit mit dem einen Klienten kann nach außen völlig verschieden aussehen als die mit einem anderen. Was inhärent gleich ist, ist die Zielvorstellung, die der Lehrende immer klar vor Augen hat, obwohl sich der Weg zum Ziel flexibel und oft auch sehr unkonventionell gestaltet.


Hier ist das spielerische Moment zu nennen und die Abwesenheit von Leistungsdruck – außer dem, den sich der Klient selbst macht, und den der Lehrende versucht, so weit wie möglich zu entschärfen. Die Freude am Tun und an der Entdeckung der Möglichkeiten und des Weges stehen im Vordergrund.
Häufig kommt es zu extatischen Momenten beim Klienten, wenn er plötzlich ungeahnte Potenziale in sich entdeckt, die eine starke Motivation geben, um weiter zu gehen im Entdeckungsprozess.


Die Effizienz einer Stunde wird nicht daran gemessen, was der Klient im traditionellen Sinne „gelernt“ hat, also ein Lied, eine Phrase o.ä., sondern ob er und der Lehrer nach der Sitzung frisch und energiegeladen sind – und der Klient kein bisschen angestrengt oder heiser.


Der Lehrer hat nicht mehr die Funktion, dem Klienten etwas „beizubringen“, sondern ihn im Prozess der stimmlichen und persönlichen Entwicklung zu begleiten, dessen Schöpfer dieser selbst ist. Methodisch bedient er sich aus der Fülle, verwendet jede dem Ziel dienliche Vorgehensweise auf der Basis von positiver Verstärkung, konstruktiver Außenkontrolle und wertfreier Selbstkontrolle, sowie realistischer Einschätzung der eigenen derzeitigen Fähigkeiten im Vergleich zu anderen, ohne Konkurrenzverhalten zu nähren.

Wichtig anzumerken, dass jeder Prozess seine ihm eigene Zeit benötigt. Obwohl bestimmte Erfahrungen sofort verfügbar sind, dauert es, individuell verschieden, lange, bis sie integriert und stabilisiert sind. Integrale Stimmarbeit ist grundsätzlich anders als kognitive Arbeit, etwa Vokabellernen, wo man diese nur oft genug wiederholen muss, bis sich ein Automatismus gebildet hat. Dies ist aber Grundlage des traditionelle Stimm-und Gesangsunterrichts, der sicherlich deshalb nur begrenzt effektiv ist. Erst wenn ich weiß, was ich tue, habe ich die Meisterschaft erreicht, und nicht, wenn es mir gelingt, und ich habe keine Ahnung davon, warum und wie. Denn dann kann mir es im nächsten Moment nicht mehr gelingen – und ich habe keine Strategien, um wieder dahin zu kommen, wo ich vorher war.


 

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