Stimmoptimierung für Sänger

 

1. Stimmarbeit für Schauspieler  - der integrale Ansatz

 

Die bedeutung der Stimme für den Schauspieler

 

Das täglich Brot des Schauspielers ist – seine Stimme. Vorbei sind die Zeiten des Stummfilms, wo eh nichts zu hören war, vorbei aber leider auch die Zeiten, in denen Schauspieler sich noch mit Stimmtechnik und klingender Bühnensprache beschäftigten. Ohne tragfähige Stimme keine Arbeit, so war es früher. Heute gibt es Mikrofone und das verführt die Schauspieler zum Glauben, dass man sie auch so verstehen würde, ohne dass sie sich um Stimme und Sprache zu kümmern bräuchten. Die Rechnung geht aber nur zum Teil auf, denn das Publikum hört den Unterschied, immer. Und jemand, der unverständliches Zeug vor sich hin nuschelt, wird nicht zum Publikumsliebling avancieren, wenn er/sie auch noch so nett aussieht.

 

Verständlichkeit ist wichtig

Das Publikum möchte die Sprache verstehen! Das ist ja einer der Hauptkritikpunkte von „normalen“ Menschen gegenüber dem Operngesang: sie verstehen nicht, was da gesungen wird. Und sie lieben die Musik nicht ausreichend, so dass sie der Musik wegen zuhören würden und nicht wegen des Handlungsablaufes. Es ist nicht immer leicht für den Sänger, die Worte deutlich auszusprechen. Für den Schauspieler aber ist es ein Muß – und er wird nicht durch komplizierte Melodien  und Tonhöhenverläufe dabei behindert, wie der Sänger.

„Also gut, machen wir ein bisschen Rhetorik und ein paar Ausspracheübungen, und überhaupt: sprechen kann ich ja schließlich, übe es täglich zeit meines Lebens. Warum sollte ich mich damit beschäftigen?“  „Und wenn jemand meine Verständlichkeit kritisiert, dann rolle ich das R eben etwas mehr und lasse P und T ein bisschen mehr knallen. Fertig.“ So denken sicher viele.

 

Naturtalent?

Es ist nicht zu bestreiten, dass es einige Menschen gibt, die „von Natur aus“ (wie man so schön sagt) eine tragfähige Stimme und eine gute Aussprache haben. Es scheint zum allgemeinen Aberglauben zu gehören, dass man mit der Stimme, die man gerade hat, eben geboren sei, und entsprechend mit der Aussprache, wie sie einem gerade kommt. Und das ist definitiv nicht der Fall. Man muß nur erst erfahren haben, welchen Stimmklang man potentiell in sich trägt und welche Möglichkeiten zu nuancierter Aussprache, um ernsthaft daran zu gehen, die gewohnheitsmäßige Stimme in frage zu stellen und sich daran zu machen, die eigenen Fähigkeiten tiefer auszuloten.

 

Bewusstheit?

Bei meiner Arbeit mit Schauspielern in den vergangenen Jahren habe ich feststellen müssen, wie erschreckend wenig sie sich der Abläufe beim Sprechen bewusst sind, wie sie keine Ahnung haben, wie man – objektiv gesehen – Vokale und Konsonanten ausspricht. Vielleicht haben sie mal einen theoretischen Vortrag über Phonetik gehört und erinnern sich an das eine oder andere Faktum, aber was sie selbst tatsächlich machen, wenn sie die Laute formen, damit hat sich kaum einer je beschäftigt. Nun ist es eine alte Weisheit, dass man erst dann die Dinge wirklich verbessern kann, wenn man weiß, wie sie gegenwärtig sind und was daran überhaupt zu verbessern ist und in welche Richtung. Oft ist es gerade nicht das geknallte T oder P, was zur besseren Artikulation führt (manchmal geht das genau in die Gegenrichtung!), sondern ganz andere Faktoren, von deren Existenz die wenigsten wirklich etwas wissen.

 

Übung macht den Meister?

Es ist wohl wahr, dass Stimmklang und Modulation dem Interpretationswillen des Schauspielers „natürlicherweise“ folgen, bzw. folgen können, wenn die Voraussetzungen dazu gegeben sind: und die sind nun mal nur in einem optimal funktionierenden Stimm- und Artikulationsapparat gegeben. Wer darüber nicht verfügt, wird nie wirklich das ausdrücken können, was er auszudrücken beabsichtigt. Also wird ein ambitionierter Schauspieler sich mit seinen stimmlichen Gegebenheiten auseinandersetzen müssen, um sich die Grundlage für seinen Erfolg zu verschaffen.

Jetzt tut sich die Frage auf: wie soll er das machen? Häufig wird Stimmtraining angeboten, mechanische Übungen, Wortaussprache, Satzmelodie, möglicherweise mit Sprachlabor, aber alles irgendwie ziemlich langweilig. Das ist der Grund, sagte man mir, warum private Schauspielschulen darauf wenig wert legen, um sich nicht die Schüler zu vergrätzen. Aber warum muß die Beschäftigung mit der Stimme und mit der Aussprache langweilig sein? Im Gegenteil, sie kann zu einem äußerst spannenden Erlebnis werden, zu einem Moment der Selbsterfahrung und größeren Einsicht in die Zusammenhänge. Es kommt bekanntlich immer darauf an, wie man die Dinge angeht. Und sobald mechanistisches Üben gefragt wird, wird es todsicher zu Langeweile führen, weil wir als Gesamtorganismus dabei stark unterfordert sind. Wenig Anregung, also wenig Freude möglich, wie meist.

 

Stimmarbeit unter dem Integralen Ansatz

Damit dürfte klar sein, wie die Arbeit an der Stimme kein mechanisches Wiederholen von irgendwelchen, als förderlich betrachteten Übungen darstellen sollte. Ich möchte im Folgenden kurz skizzieren, wie ich mir einen „integralen Ansatz“ in der Stimmarbeit vorstelle.

Was heißt "integral"?

Zunächst kurz zum Begriff „integral“. Ken Wilber, der führende Theoretiker am „leading edge“ unserer heutigen Zeit, hat sich der Erschaffung des „integralen Zeitalters“ verschrieben, mit der Gründung seines Integralen Institutes und der Integralen Universität. Es geht darum, alles Wissen und alle Weisheiten dieser Welt zusammenzufassen und alle Dinge so vielseitig wie möglich anzugehen, von allen Richtungen die passenden und funktionierenden Anteile aufzuspüren und zu einem neuen Ansatz zu verschmelzen. Das bedeutet konkret, mit dem zu brechen, was man traditionell „immer schon“ gemacht hat und zu überprüfen, ob es nicht bessere, wirksamere Wege zum Ziel gibt, oder Kombinationen von denselben.

Integrale Stimmarbeit

Auf die Stimmarbeit bezogen bedeutet das, dass man sich ganz sicher nicht ausschließlich vokalen oder Artikulationsübungen allein widmen wird. Vielmehr wird man die Grundlagen aufspüren, die zum derzeitigen bzw. beabsichtigt besseren Funktionieren der Stimme vorhanden sind oder geschaffen werden müssen. Und dazu gehört zuallererst die Erforschung des Instruments, also der Stimme in uns, und damit unser selbst.

Was ist?

Was tue ich überhaupt? Wie fühlt sich das an? Wie hätte ich gerne, dass es wäre?  Solche und ähnliche Fragen stehen im Vordergrund. Und dann geht man auf die Suche, welche Maßnahmen geeignet sind, die Veränderung herbei zu führen.

Körperbewusstsein

Was die Arbeit mit der Stimme betrifft gehört da ganz sicher eine Erarbeitung von Körperbewusstsein dazu, die Fähigkeit, sich frei zu bewegen, zu entspannen und die richtigen Spannungen zur Verfügung zu haben, wenn sie gebraucht werden. Nicht als willentlicher Akt, sondern als Ergebnis von behutsamer Selbstkonditionierung.

Weitere Ebenen

Das gleiche gilt für die Psyche, für die Arbeit mit den Emotionen und mit den mentalen Inhalten, die uns leiten. Alles wird einer freundlichen, aber rigorosen Überprüfung unterworfen und so viel wie möglich nicht funktionale Elemente durch funktionale ersetzt.

 

Ein spannender Prozess

Wer sich darauf einlässt, wird sehen, dass es ein spannender Prozeß ist, alles andere als langweilig, mit vielen Aha-Erlebnissen und Einsichten, die auch – oder gerade - ohne viel mechanisches Üben zum gewünschten Ergebnis führen. Ein bisschen üben muß man dann schon, wenn man erkannt hat, was tatsächlich zu üben ist, denn viele Jahre eingeschliffener falscher Gewohnheiten kann man nicht mit einer einmaligen Erkenntnis hinweg fegen. Aber wie gesagt, das Üben fängt sinnvoller weise erst dann an, wenn man zweifelsfrei erkannt hat, wo genau die Schwierigkeiten stecken. Vor diesem Punkt ist Üben eher ein Akt der eingebildeten Pflichterfüllung, oft eher die Fehler festfahrend als sie  behebend. Gute Reise an alle!